Situation 25

Klimawandel in der Arktis

Eine Inuit aus Grönland

Die Auswirkungen des Klimawandels sind in den Polarregionen bereits offensichtlich, ihre Rückwirkungen auf das Klima werden die globale Erwärmung weiter vorantreiben. Schon heute schreitet der Klimawandel in der Arktis schneller voran als in der restlichen Welt, die Temperaturen erhöhen sich hier doppelt so stark wie im globalen Durchschnitt. Die polaren Eisschilde und Gletscher schmelzen immer schneller. Bis Ende des Jahrhunderts könnte die Arktis im Sommer eisfrei sein. Sollte allein das Grönländische Eisschild künftig vollständig abschmelzen, würde der Meeresspiegel um sieben Meter ansteigen. Zahlreiche Länder würden im Wasser versinken, der Rückgang der polaren Einschilde ist daher eine der größten Gefahren durch den Klimawandel. Wo Meereis und Gletscher schmelzen, bleibt eine dunkle Oberfläche zurück, die mehr Sonnenstrahlung aufnimmt und so Eisschmelze und Erwärmung nochmals verstärkt (Eis-Albedo-Rückkopplung).

Permafrostböden tauen

Auch das Auftauen der Permafrostböden hat einen Rückkopplungseffekt auf das Klima. Die jahrtausendealten gefrorenen Böden bedecken vor allem Teile Russlands, Chinas, Nordamerikas und Grönland, kommen aber auch in Hochgebirgsregionen vor. Sie erstrecken sich über rund ein Viertel der Landoberfläche und sind stellenweise bis zu 1,5 Kilometer breit. Die globale Erwärmung lässt die Temperatur der Böden ansteigen und sorgt dafür, dass die Schicht, die regulär im Sommer taut und im Winter einfriert, dicker wird. Die Böden > degradieren. Mit der Zeit wird die oberste Schicht so tief, dass sie nicht wieder einfriert. Bis Ende des Jahrhunderts werden die Permafrostböden stark zurückgehen, mit gravierenden Folgen für das Klima, Ökosysteme und die Menschen in der Arktis. Permafrostböden speichern Kohlenstoff und enthalten zweimal so viel gefrorenen Kohlenstoff wie in der Atmosphäre vorhanden ist. Tauen sie, werden enorme Mengen CO2 und Methan freigesetzt. Bis zu 39 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen könnte das Auftauen der Böden verursachen und damit massiv zur globalen Erwärmung beitragen. Die Treibhausgase beschleunigen wiederum das Auftauen der Permafrostböden.

In der Arktis hat der Klimawandel weitreichende Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt. Vegetationszonen verschieben sich Richtung Norden und beeinflussen damit Artenvorkommen. Das schwindende Meereis gefährdet Säugetiere wie den Eisbären, der auf das Eis als Lebensraum angewiesen ist. Darüber hinaus werden neue Gebiete zur Ressourcenförderung, insbesondere von Öl und Gas, in der dünn besiedelten Arktis zugänglich. Spannungen zwischen den Anrainerstaaten um Ressourcen sind bereits entfacht.

An den Küsten verstärkt sich die > Küstenerosion durch das abnehmende Meereis und den ansteigenden Meeresspiegel. Hohe Wellen und Sturmfluten nehmen zu. Auch der auftauende Permafrostboden führt zu > Erosion. Der tauende Boden wird instabil und teils sumpfig. Infrastruktur wie Gebäude, Straßen und Pipelines sind gefährdet.

Lebensweise indigener Bevölkerungen bedroht

Besonders die indigenen Bevölkerungen der Arktis, die zehn Prozent der rund vier Millionen Bewohnerinnen und Bewohner ausmachen, sind von den Auswirkungen des Klimawandels bedroht. Ihre traditionelle Lebensweise, ihre Kultur und ihr sozialer Zusammenhalt sind in Gefahr, denn sie leben im Einklang mit der Natur, in fragilen Ökosystemen und in Abgeschiedenheit. Der Klimawandel ist für Bevölkerungen wie die Inuit in Grönland und Kanada zur Frage des kulturellen Überlebens geworden. Über Jahrhunderte haben sie sich an die rauen Umweltbedingungen der Arktis angepasst, sie leben von der Jagd, Fischerei und Rentierherden. Der Klimawandel raubt ihnen den Zugang zu ihren Nahrungsquellen. Traditionelles Wissen um Jagdrouten und Reisewege wird angesichts der veränderten Wetterbedingungen, Schnee- und Eisverhältnisse nutzlos. Das dünnere Eis erschwert die Versorgung mit Lebensmitteln und Transporte und macht Reisewege riskant oder unpassierbar. Gleichzeitig verschwinden mit dem Rückgang des Meereis und höheren Wassertemperaturen Beutetiere.

In Alaska im Norden Amerikas sind rund 200 indigene Dörfer an Küsten und Flüssen vom Auftauen des Permafrostbodens und Erosion betroffen. Die Fundamente sind vielerorts beschädigt, die Selbstversorgung der arktischen Dörfer wird immer schwieriger. Fünf Gemeinden fassten bereits den Beschluss zur Umsiedlung, unter ihnen das Dorf Shishmaref, dessen Einwohnerinnen und Einwohner sich im Jahr 2002 dazu entschieden, eine neue Siedlung auf dem Festland zu gründen. Künftig werden immer mehr Menschen gezwungen sein, umzusiedeln.

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Ökologischer Fussabdruck

Foto: Simiqaq Inuit von Bryan + Cherry Alexander / Arcticphoto/ laif

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Quellen & weitere Informationen

Arctic Climate Impact Assessment > zur Webseite

Auf der Flucht vor dem Klima. Positionspapier deutscher Nichtregierungsorganisationen, Jan. 2013 > zur Publikation (PDF)

DGVN: Kippelemente des Weltklimas > zur Grafik

DGVN: Schmelzen der Gletscher > zur Grafik

IPCC 2012: Managing the Risks of Extreme Events and Disasters to Advance Climate Change Adaptation. A Special Report of Working Groups I and II of the Intergovernmental Panel on Climate Change > zum Bericht (PDF)

Seidler, Christoph: Die traditionellen Arktis-Bewohner und der Klimawandel. Aus Politik und Zeitgeschichte 5/2011 > zum Artikel

UNDP: Den Klimawandel bekämpfen: Menschliche Solidarität in einer geteilten Welt. Bericht über die menschliche Entwicklung 2007/2008 > zum Bericht (PDF)

UNEP 2012: Policy Implications of Warming Permafrost > zum Bericht (PDF)

UNEP 2012: Global Environment Outlook 5 > zum Bericht (PDF)